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Wieviele bin ich und wenn ja, warum? (Drew)

Als Jerry langsam seine Umgebung wahrnahm, wühlte er in seinem Koffer nach der Taschenlampe, die er immer mit sich führte. Er knipste sie an und lies den Lichtstrahl umherschweifen.

Da erblickte er eine Box auf seinem Bett. Sie war knallrot und es prangte das Wort Notfall darauf. Jerry bekam Schnappatmung. Er hechtete auf das Bett zu, verfing sich aber im Teppich und landete auf der Nase. Die Taschenlampe flog in hohem Bogen davon. Von irgendwo her hörte er Klopfen und „Ruhe da unten“. Er kroch auf dem Boden herum und fingerte nach der Taschenlampe bis er sie endlich wieder hatte. Er war den Tränen nahe, stand mühsam wieder auf und musste niesen.

Als er sich wieder gefangen hatte, nahm er die Box und packte sie mühsam mit einer Hand aus. Mit der anderen musste er ja die Taschenlampe halten. In der Box war ein Desinfektionsspray, eine hygienisch einwandfreie Pausenbrottüte zum Hyperventilieren, Riechsalz der Duftnote Schweizer Käse, Pflaster, Kleenex, Meersalz-Nasenspray, Alka Selzer und Baldriandragees.

Er schluchzte auf, schnappte sich ein Kleenex und putzte sich erst mal lautstark und ausgiebig die Nase bis sie ganz rot war. Sein Auge fing auch wieder schon an zu zucken. Er wählte die Hotline, die auf dem Programm vermerkt war. Eine Stimme sagte irgendetwas auf bulgarisch. Es war die Sprachbox. Jerry legte wieder auf und lies sich rückwärts auf sein Bett sinken. Er nahm das Programm wieder in die Hand und bekam Herzschmerzen. In 10 Minuten musste er sich in der Lobby einfinden, um den Bus nicht zu verpassen, der sie zum Restaurant bringen sollte.

Als er oben ankam, standen schon Dagi, Charly und Diethelm da und trommelten angespannt mit den Fingern auf der Rezeptionstheke. Da fuhr einer der Hotelbusse vor. Die drei rannten fast, um sich den besten Platz zu ergattern. Jerry, der auf keinen Fall, den Anschluss verpassen wollte, sprang hinterher. Kaum sassen sie ihm Bus, verscheuchte Diethelm eine Fliege, die in den Fahrgastraum eingedrungen war. Jerry nieste bereits. Die Handbewegung von Diethelm interpretierte der Busfahrer als Zeichen loszufahren. Als der Bus sich in Bewegung setzte, schauten sich die vier ganz ratlos an und versuchten dem Fahrer mit Händen und Füssen klar zu machen, dass sie noch auf die anderen warten mussten. Aber der Fahrer verstand kein Wort und fuhr einfach weiter. Charly suchte nach seinem Natel, konnte es aber nicht finden. Dagi hatte gar keines nach Bulgarien mitgenommen, da die Telefonkosten im Ausland immer so hoch waren, Jerry besass gar kein Natel wegen der ungesunden Strahlungen und Diethelm hatte seines am Flughafen gegen ein paar Bockwürste mit Brot und Senf eingetauscht.

Nach einer 20minütigen Fahrt – es war bereits dunkel geworden – bog der Busfahrer in einen Feldweg ein. Keinerlei Strassenlaternen mehr, nur noch die Scheinwerfer auf dem schmalen Weg. Und vor ihnen Aussicht auf ein dunkles Waldstück. Nach ungefähr 2 km bog der Fahrer rechts ab in eine Hofeinfahrt. Der Strahler des Busses gab den Blick frei auf ein unheimlich wirkendes altes Gemäuer. „Das sieht aus wie bei Gemperli“, meinte Diethelm, „dort gibt es zurzeit die Bratwürste im Sonderangebot“. Jerry zitterte am ganzen Körper, die Nase lief, er nieste. Dagi forderte den Fahrer auf, den Motor auszumachen, um Benzin zu sparen. Der Fahrer verstand natürlich kein Wort, kam aber irgendwann von allein auf die Idee, den Bus abzustellen.
Charly – vogelwild wie immer – meinte: „Also, wenn wir jetzt schon da sind, schauen wir uns auch mal um. Vielleicht hat's paar Miezen hier.“ Er stieg aus dem Bus aus und lief ein paar Schritte.  
Plötzlich kamen zwei Schweinwerfer auf sie zu. Ein grossgewachsener, bulgarischer Bauer auf seinem Traktor duckerte über den Hof.

Jerry kramte in seiner Brusttasche und holte ein Notizbuch heraus. „Du, Dagiiii, pass zu, hör auf…äh pass auf, hör zu, das müssen wir sofort zur Anzeige bringen. Ich habe hier ausser allen wichtigen Kostenarten, auch die wichtigsten EU-Verordnungen notiert. Hier heisst es: Für alle EU Länder wurde der Abstand zwischen den Scheinwerfern eines Traktors genau festgelegt. Der Abstand zweier Leuchten, die in die gleiche Richtung gerichtet sind, ist der Abstand zwischen den Parallelprojektionen der Umrisse der beiden nach 1.6 bestimmten leuchtenden Flächen auf einer Ebene, die vertikal zur Betrachtungsrichtung dieser Umrisse liegt. Dagi, ich sehe auf den ersten Blick, dass das bei diesem Fahrzeug nicht korrekt ist. Das ist auf keinen Fall EU-konform.“

Dagi meinte nur: „Jerry, diese EU Verordnungen…. Das wird alles überschätzt und überhaupt. Überleg doch mal, die Unkosten, die wir haben, wenn wir Anzeige erstatten.“
Diethelm kreischte auf: „Leute, riecht ihr das? Irgendjemand grillt hier. Ich geh mal schnell hinter das alte Gemäuer. Die bulgarischen Wurstwaren sollen ganz lecker sein. Ich hatte mich vor der Reise noch mit Gemperli ausgetauscht und im Internet recherchiert.“ Der Bauer war mittlerweile aus seinem Traktor gestiegen und unterhielt sich mit Charly. Also zumindest versuchte er das. Charly verstand natürlich kein Wort von dem Kauderwelsch, sah aber plötzlich eine Blondine in den Kuhstall huschen. Er klopfte dem Bauern auf die Schulter und hechtete in den Stall.
Am meisten enttäuscht war Dagi. Er hatte sich so gefreut neben dem Vollweib aus Mazedonien zu sitzen. Vorallem wo er doch wusste, dass eigentlich auch Charly neben ihr sitzen wollte.

Währenddessen am realen Ort des Geschehens, trommelten Lucy und Drew die Leute in der Lobby zusammen. Drew flüsterte Lucy zu: „Alles im Grünen. Die Jungs sind im Paralleluniversum. Wir können uns entspannt zurück lehnen.“ 

1 Kommentar 9.9.08 19:53, kommentieren



Auf den Punkt gebracht... (Verwanda)

In einem Paralleluniversum, in einem anderen Land und in einer anderen Stadt fragen sich derzeit duzende Menschen: Wo geht die Reise hin? Dies ist im Leben sowieso generell eine wichtige Frage. Meist ist es so, dass man im Leben sich für einen Weg entscheidet und ihn dann geht. Im Paralleluniversum ist dies aber etwas anders strukturiert. Wir schreiben im Logbuch den Tag der Bekanntgabe. Duzende Menschen werden in ihrem Weg beschnitten und auf eine Umleitung geschickt, die direkt in ein Grossraumbüro mündet.

Für manche ist dieser Tatbestand der personifizierte Fluchtweg. Sie können nachts nicht schlafen, wenn sie sich ausmalen mit 15 anderen in einem Raum zu sitzen und genau beobachtet zu werden, wenn nach einem Popel in der Nase gefahndet wird. Früher konnte man das in einem Singleroom erledigen. Jetzt aber, da die Reise umgelenkt wurde und das Ziel nicht mehr klar vor Augen ist und stündlich sich die Koordinaten ändern, wird die Suche nach dem glitschigen Teil zu einem Dilemma. Sucht man es in 24 qm oder in 25 qm oder gar in 340 qm.

Generell wichtige Fragen tauchen auf... Wer schnürt wann sein Paket? Wer zurrt das Paket dann fest? ZACK ! Hier sieht man das alles nicht ganz soooo einfach ist. Es müssen auch endlich Roß und Reiter genannt werden, die dieses Unterfangen planen und anschliessend die People moven.

Wollen wir an erster Stelle die Buddys nennen, sie schaffen es nicht Emails zu lesen und diese dann weiterzuleiten um für das alljährlich stattfindende Freudenfest gen Weihnachten Glückwünsche verteilen zu können, aber genau diese People planen diesen wichtigen Step in der Ära eines Unternehmens... Speak to the Hand oder noch passender: Shit in, Shit out.

Okay wir wollen jetzt nicht zynisch werden, wir warten erst einmal ab. Der tägliche Wahnsinn muss sich in diesem Paralleluniversum erst ordnen. Die Welt ist auch nicht über Nacht entstanden und eine Halle ist nicht mit einem Schnipser gestrichen. Wir müssen geduldig sein....


1 Kommentar 11.9.08 17:18, kommentieren